Liebste Minna,
heute schreibe ich dir zum ersten Mal, und es ist beinahe ein bisschen, als würde ich in einer Zeitkapsel in die Vergangenheit steigen. Da sind diese Erinnerungen an meine Jugendzeit, als ich meinen Brieffreundinnen mit Füllfederhalter und Tinte schrieb. Sorgfältig, mit Pausen dazwischen, als wären meine Gedanken etwas Heiliges. Damals war Schreiben noch ein kleines Ritual – kein flüchtiges Tippen, sondern ein bewusstes Teilen. Ich erinnere mich an das Knistern des Papiers, an das leise Kratzen der Feder, an das Gefühl, mit jemandem verbunden zu sein.
Vielleicht schreibe ich deshalb heute an dich. Weil ich mich wieder sehne nach diesem Raum. Nach einem Ort, an dem Worte nicht optimiert, sondern empfunden werden. Einem Ort, an dem ich nicht funktioniere, sondern einfach bin.
In den letzten Monaten habe ich mich verloren, Minna. Nicht dramatisch. Eher schleichend. Ich suchte nach meiner sogenannten Nische, nach dem perfekten Ausdruck dessen, was ich in mir trage. Ich wollte alles richtig machen, alles in Form bringen – professionell, sichtbar, erfolgreich. Und dabei passierte etwas Seltsames: Ich entfernte mich immer mehr von dem, was mich ursprünglich berührt hatte.
Ich hatte meine Yogaausbildung gemacht, nicht um zu lehren, sondern um tiefer zu gehen. Um mir selbst näher zu kommen. Um mich – ganz ohne Bühne – auf der Matte zu begegnen. Und doch fand ich mich plötzlich in Gedanken wieder, wie ich überlegte, wie ich Yoga weitergeben könnte. Welche Zielgruppe ich wohl ansprechen müsste. Was ein gutes Instagram-Reel ergeben würde. Ich stolperte von Idee zu Idee, von Strategie zu Strategie, und je mehr ich mich im Außen bewegte, desto leerer wurde es in mir drin.
Ich begann mich zu fragen, ob all das überhaupt noch mein Weg war. Oder ob ich nur versuchte, etwas zu erfüllen, das andere vielleicht von mir erwarteten. Oder das ich dachte, von mir erwarten zu müssen. Es ist so leicht, Minna – sich zu verlieren, wenn man zu laut hinhört, was andere denken könnten.
Instagram wurde zu einem Ort, an dem ich nicht mehr spielte, sondern analysierte. Wo ich nicht mehr teilte, sondern verglich. So viele vergeudete Stunden, wenn ich ehrlich bin. Nicht vergeudet im Sinne von „nutzlos“ – denn auch das hat mir etwas gezeigt. Aber vergeudet im Sinne von „nicht ganz bei mir“. Ich postete, überlegte, verwarf wieder. Und das alles in einem Takt, der schneller war als mein Herzschlag.
Am schmerzlichsten aber war: Ich verlor den Zugang zu dem, was ich wirklich liebe. Ich entwickelte beinahe eine kleine Abneigung gegenüber dem, wofür ich jahrelang gebrannt hatte. Ich ließ meine eigene Praxis schleifen, nicht aus Faulheit, sondern aus innerer Erschöpfung. Ich konnte sie nicht mehr spüren. Und das war der Moment, in dem ich wusste: So geht es nicht weiter.
Ich hörte auf. Nicht laut. Nicht mit Drama. Ich ließ einfach los. Legte mein Handy beiseite. Setzte mich hin. Und war da. Nur ich, mit mir. Ohne Ziel, ohne Produktidee, ohne Druck.
Und weißt du, Minna? In dieser Stille passierte etwas. Keine Offenbarung, keine Vision. Nur ein leises Erinnern. Ein sanftes Zurückkommen. Ich begann zu fühlen, was ich wirklich vermisst hatte: Tiefe. Wahrhaftigkeit. Nähe. Langsamkeit. Und eine Form von Schreiben, die mehr war als Content.
Ich fand zurück zu meiner Liebe für vergangene Zeiten. Für echte Gespräche. Für Rituale mit Tinte und Papier. Und ganz still – fast unbemerkt – fand ich auch mein Herzensbusiness. Nicht laut und glänzend, sondern wie eine Freundin, die schon lange da war, ich aber nicht erkannt hatte.
f r a u . a l k o h o l f r e i.
Ein Raum für Klarheit, für Wahrhaftigkeit, für Frauen, die sich wieder spüren wollen. Ein Weg zurück zum eigenen Leuchten – ohne den betäubenden Schleier von Alkohol.
Es war, als hätte ich endlich den roten Faden gefunden, der all die losen Enden meiner letzten Jahre verbindet: die Sehnsucht nach Tiefe. Nach echtem Leben. Nach dem Mut, aus dem Strom des „alle machen das so“ auszusteigen.
Und so schreibe ich heute an dich, Minna. Weil du für mich dieser Raum bist. Ein Spiegel. Eine Erinnerung. Eine Gefährtin.
Ich freue mich auf viele weitere Briefe, welche ich an dich schreiben darf und freue mich natürlich auch darauf, wenn du mir einen Brief zurückschreibst.
Herzlichst und auf bald, deine
Michèle